1862 beauftragten der Zolldirektor von Castasegna, Agostino Garbald und seine Frau Johanna, den Architekten Gottfried Semper, eine kleine Villa zu entwerfen. Der Auftrag an Semper, der damals schon ein berühmter Architekt war, zeugt von der hohen kulturellen und künstlerischen Ambition seiner Auftraggeber.
Johanna Garbald erlangte unter dem Pseudonym Silvia Andrea als Schriftstellerin nationale Bekanntheit und musste dafür traditionelle gesellschaftliche Rollenverständnisse und Konventionen überwinden; auch ihr Ehemann Agostino fühlte sich zu Philosophie, Kunst und Wissenschaft hingezogen. Der Sohn Andrea arbeitete als Fotograf und ist insbesondere durch seine Bilder der Familie Giacometti bekannt geworden; die Tochter Margherita führte eine kunstgewerbliche Werkstatt.
Die aussergewöhnliche Architektur der Villa widerspiegelt die besondere Stellung der Familie Garbald und ist auch charakteristisch für die kulturelle Situation des Bergells, das geprägt ist vom Mit- und Nebeneinander von kulturellem Reichtum und existenzieller Einfachheit, von herrschaftlichen und bäuerlichen Gesellschaftsstrukturen und Bauformen.
Gottfried Sempers Entwurf für das kleine Haus Garbald im abgeschiedenen Bergell bildet nicht nur geografisch, sondern auch architektonisch einen Gegenpol zu seinen Grossprojekten in mehreren europäischen Metropolen. In seinen urbanen Grossprojekten, wie zum Beispiel in den berühmten Projekten für die Opernhäuser von Dresden, München und Wien, sind die monumentalen Bauaufgaben bautypologisch und architektonisch reflektiert; tradierte Architekturformen sind neu interpretiert und in einen städtebaulichen Zusammenhang eingebunden. Auch die Bauaufgabe des einfachen Wohnhauses in ruraler Umgebung an der Grenze zu Italien fand eine ganz spezifische Zuordnung im Bautyp des italienischen Landhauses, der casa rustica.
In Castasegna, wo einen schon das Gefühl erfasst, den alpinen Raum hinter sich zu lassen und am Tor zur südlichen Welt zu stehen, wirkt sie als verheissungsvoller Vorbote italienischen Lebens und südländischer Kultur.
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